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KREBSVORSORGE
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Wozu diese Seite? Befürworter der
Früherkennung neigen dazu, den Nutzen der Methoden
überzubewerten und mögliche Schäden
auszublenden, Gegner der Früherkennung neigen dazu, vor
allem die Schäden zu betonen. Ich möchte dazu
beitragen, dass die Krebsvorsorge als das gesehen wird, was sie
ist: als eine Sammlung medizinischer Maßnahmen, deren
Vor- und Nachteile nüchtern abgewogen werden sollten.
Von 2003 bis 2007 habe ich den Newsletter “Krebsvorsorge aktuell” herausgegeben, von 2008 bis 2011 den weniger
aufwändigen, unregelmäßig erscheinenden “Rundbrief Krebsvorsorge”.
Rundbrief Krebsvorsorge 27:
Begräbnis erster Klasse für
Ovar-Screening
24.6.2011
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
von niedergelassenen Ärzten wird
verlangt, dass sie ihr Handeln an der wissenschaftlichen
Evidenz ausrichten. Als Unternehmer müssen sie ihr Handeln
aber auch an der wirtschaftlichen Evidenz ausrichten. Manchmal
knirscht es, wenn diese beiden Ansprüche aufeinander
treffen, wie etwa bei den individuellen Gesundheitsleistungen,
kurz IGeL. Aktuelles Beispiel: Die Ergebnisse der PLCO-Studie zur
Früherkennung des Ovarialkarzinoms machen alle Hoffnungen
zunichte, dass sich mit Ultraschall oder Tumormarker die
tumorspezifische Sterblichkeit verringern ließe. Die
entsprechenden IGeL sind also nutzlos.
Das sind schlechte Nachrichten für
Frauenärzte, denn sie sind im IGeL-Geschäft besonders
aktiv: Laut der aktuellen Umfrage des
Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) bieten sie 28,9
Prozent aller Individueller Gesundheitsleistungen (IGeL) an.
Ein durchschnitttlicher Frauenarzt bringt es auf 544
IGeL-Offerten pro Jahr. Im Angebot befinden sich
überwiegend Ultraschall- und
Früherkennungsuntersuchungen, die über die Leistungen
der gesetzlichen Krankenversicherung hinausgehen. Ein Nutzen
dieser Leistungen wird von den Anbietern einfach behauptet. So
heißt es beispielsweise auf der Homepage einer
Frauenarztpraxis: „Spätestens ab dem 50. Lebensjahr
ist der zusätzliche vaginale Ultraschall sinnvoll, um
bösartige Neubildungen (Gebährmutterhöhle,
Eierstöcke) rechtzeitig zu erkennen bzw.
auszuschließen.“
Beruhten solche Äußerungen
bislang auf dem „Prinzip Hoffnung“ –
schließlich hätten Studien in der Zukunft auch
positive Ergebnisse bringen können –, ist es damit
jetzt vorbei: Die PLCO-Studie hat
dem Screening der Eierstöcke ein Begräbins erster
Klasse bereitet. Anders als beim PSA-Test, dem die PLCO-Studie
eine mögliche Mortalitätsreduktion bei einer
längeren Nachbeobachtungszeit nicht absprechen wollte,
lässt das Ergebnis zum Screening auf Eierstockkrebs keinen
Interpretationsspielraum mehr zu: Nach vier beziehungsweise
sechs Jahren Screenen mit dem Tumormarker CA-125 und
transvaginalen Ultraschall waren nach 13 Jahren Follow up in
der Screeninggruppe 118 Frauen an Eierstockkrebs gestorben, in
der Kontrollgruppe 100. Die Autoren stellen
unmissverständlich fest: „We conclude that the
screening intervention, as implemented in this trial, was not
effective in reducing mortality caused by ovarian
cancer.“ Dem stehen jedoch Belege für deutliche
Schäden gegenüber – durch zusätzliche
Untersuchungen, Entfernungen von Eierstöcken, Diagnosen
und Therapien in der Gruppe der gescreenten Frauen. Fazit: Kein
Nutzen, viel Schaden.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Meines Erachtens genügt es nicht mehr, beide
Früherkennungstest nicht zu empfehlen, es muss vielmehr
von ihnen abgeraten werden. Noch heißt es beispielsweise
in der S2k-Leitlinie
„Diagnostik und Therapie maligner Ovarialtumoren“
von 2007: „Ein generelles Screening kann für das
Ovarialkarzinom im Augenblick nicht empfohlen werden. Die
derzeit vorliegenden Daten können nicht belegen, dass die
routinemäßig durchgeführte Vaginalsonographie
und die regelmäßige Bestimmung des Tumormarkers CA
125 die Früherkennung des Ovarialkarzinoms
ermöglichen.“ Diese Formulierung, die etwa auch die
Krebsgesellschaft NRW für ihr Patienten-Portal übernommen
hat, war bislang zutreffend, jetzt ist sie es nicht mehr: Denn
während die Daten bislang NICHT BELEGEN konnten, dass die
Untersuchungen eine Früherkennung ERMÖGLICHEN,
können die PLCO-Daten jetzt BELEGEN, dass die
Untersuchungen eine Früherkennung NICHT ERMÖGLICHEN.
Noch vordringlicher sollten Informationen,
die Frauen ein Screenen empfehlen, an die neuen Erkenntnisse
der PLCO-Sudie angepasst werden. So schreibt die Deutsche
Krebsgesellschaft auf ihrer Homepage:
„Da das Risiko einer Erkrankung aber mit den Lebensjahren
steigt, sollten Frauen in fortgeschrittenem Alter von sich aus
jedes Jahr eine Untersuchung der Eierstöcke vornehmen
lassen.“
Ich bin gespannt, wie lange es dauern wird,
bis die Ergebnisse der PLCO-Studie zu allen Ebenen – von
der Leitlinie über fachliche Sekundärquellen bis hin
zu den Praxis-Informationen – durchsickern werden. Was
die IGeL-Praxis angeht, wird der Impact die PLCO-Daten ein
guter Gradmesser dafür sein, wie es um das
Kräfteverhältnis zwischen wissenschaftlicher und
wirtschaftlicher Evidenz im deutschen Gesundheitswesen steht.
Sehr optimistisch bin ich allerdings nicht,
dass jetzt ein Ruck durch die Gynäkologen-Gemeinde gehen
wird: Zum einen zeigt die zurückhaltende Formulierung in
der bereits seit vier Jahren gültigen Leitlinie bis heute
weder bei IGeL-willigen niedergelassenen Frauenärzten noch
bei Fachorganisationen wie der Krebsgesellschaft Wirkung (dabei
zitiert die Krebsgesellschaft die Leitlinie sogar explizit).
Zum anderen werden auch andere
Früherkennungsmaßnahmen propagiert, die
wissenschaftlich längst nicht mehr haltbar sind, wie
beispielsweise das Abtasten der weiblichen Brust und der
jährliche statt dreijährliche Pap-Abstrich.
Herzliche Grüße
Christian Weymayr
PS: Ich möchte Sie bei der Gelegenheit
auf den „Medien-Doktor“
aufmerksam machen. Der Medien-Doktor ist ein Projekt, in dem
Medizinjournalisten die Beiträge von Kollegen nach
festgelegten Kriterien bewerten. So soll das Bewusstsein
für guten Medizinjournalismus gestärkt und
langfristig dessen Qualität verbessert werden. Unter den
bewerteten Artikeln ist
auch ein Beitrag aus der FAZ über die PLCO-Studie. Mein
Anteil am Medien-Doktor besteht in einer Pilotstudie mit
Studierenden der FH-Gelsenkirchen sowie in der Tätigkeit
als Gutachter.
Quellen:
PLCO-Studie:
Saundra S. Buys et al: Effect of Screening
on Ovarian Cancer Mortality, The Prostate, Lung, Colorectal and
Ovarian (PLCO) Cancer Screening Randomized Controlled Trial,
JAMA. 2011;305(22):2295-2303
http:
//jama.ama-assn.org/content/305/22/2295.full.pdf
WidO-Umfrage:
Klaus Zok: Private Zusatzleistungen in der
Arztpraxis, Ergebnisse einer Repräsentativ-Umfrage;
WIdO-monitor 2010; 7(2):1–8
http:
//www.wido.de/fileadmin/wido/downloads/pdf_wido_monitor/wido_mon_ausg2-2010_1210.pdf
Frauenarzt-Homepage:
http:
//www.frauenarzt-heidelberg-gynaekologe.de/selbstzahlerleistungen.html
S2k-Leitlinie:
Interdisziplinäre Leitlinie der
Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Deutschen
Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe,
AWMF-Leitlinien-Register Nr. 032/035 Entwicklungsstufe: 2k:
Diagnostik und Therapie maligner Ovarialtumoren; AWMF 05/2007
http:
//www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/032-035.pdf
Krebsgesellschaft NRW:
http:
//www.krebs-check-nrw.de/b_frueherkennung/b_gyn_tumore
Deutsche Krebsgesellschaft:
http:
//www.krebsgesellschaft.de/pat_ka_eierstockkrebs_frueherkennung,107741.html
Medien-Doktor:
http:
//www.medien-doktor.de/2011/06/„schiffbruch-fuer-die-krebsmedizin“/
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